Freitag, 7. September 2018

Dubwise 02: Freundliche Übernahme.

Auf Geistergesang hat fast unbemerkt von euch eine freundliche Übernahme musikalischer Natur stattgefunden - was daran liegt, daß euer obsessiver Bloghost wieder einmal unfassbar intensiv vom DUB-Virus infiziert wurde, und eine schnelle "Gesundung" scheint derzeit ausgeschlossen.

Heiliger Gral: Das Mischpult von King Tubby (1941-1989)
Für Unkundige: Dub ist eine Spielart des jamaikanischen Reggae, bei der von fertigen Songs mittels Mischpult-Manipulationen Spuren teilweise oder ganz weggelassen werden; gewisse Sounds wiederum werden mittels Echo- und Hall-Effekten überbetont. So entsteht ein neuer Track bzw. eigentlich eine neue Art von Musik. Hat man sich einmal an die kargen Soundlandschaften und die schleppenden Grooves gewöhnt, ist das Level für weitere Entdeckungen geschaffen: Mitten in diesen an den Mond gemahnenden Szenerien befinden sich jede Menge Portale, mittels denen man überallhin reisen kann, in den unendlichen Kosmos oder sogar in andere Dimensionen (als Reisevorbereitung wird der Genuß entsprechender 420er-Technologie ausdrücklich empfohlen).


Der berühmte Reggae-Bassist Robbie Shakespeare hat das einmal sehr schön beschrieben: "...[It’s a music that] fuck up the head! It blow your mind like you dey ’pon drugs! It put you ’pon a different level, a different planet. You can feel like you’s a space man, sometime you might feel like you’s a deep sea diver. You can be like in an airplane in ten seconds, it make you feel anyway you want to feel." ¹

Die erste Dub-Aufnahme entstand durch ein Mißgeschick: Der Techniker eines Studios hatte bei einem bestellten Track auf die Gesangsspur vergessen - die unfreiwillige "Instrumentalversion" entwickelte sich schlagartig zum großen Hit bei den Veranstaltungen, bei denen die riesigen Sound Systems die tanzwütigen Jamaikaner unterhielten; und auch ökonomisch war diese Erfindung ideal. Die Studios ersparten sich neue Songs auf den B-Seiten ihrer Singles und die damaligen "Toaster" (DJs) begannen, die Instrumentalversionen dazu zu nutzen, um mittels Mikrofon für zusätzliche Stimmung unter dem Publikum zu sorgen.


Hier wurden nicht nur Blaupausen für den sich später in Amerika entwickelnden Rap geschaffen, auch die Produzenten der diversen Studios in Jamaika wuchsen über sich selbst hinaus. Sie gaben sich fantasievolle, aristokratisch oder wissenschaftlich klingende Namen wie Prince Jammy, King Tubby, Dub Specialist oder Scientist und wurden zu echten Sound-Pionieren: Wenn man sich die Mühe macht, genau hinzuhören, erkennt man in diesen oft recht krude klingenden Frühwerken des Dub so vieles, das sich später in der (westlichen) Pop-Musik etabliert hat.

Bunny "The Striker" Lee an den Reglern.
Man muß sich das bildlich vorstellen: Da saßen diese oft bitter armen Menschen in ihren engen, kochend heißen Holzverschlägen und schufen mit ihrem selbst zusammengelötetem Equipment grandios aufgetürmte, futuristisch klingende Soundscapes; so ziemlich alles, was damals mit unglaublicher Fantasie und Erfinderkunst auf Tonband bzw. auf Acetat (die legendären "Dubplates") gebannt wurde, klingt innovativer als die riesigen Studioproduktionen des Mainstreams in der heutigen Zeit.

                                        
Deswegen funktionieren auch (zumindest für mich) die meisten digitalen Dub-Produktionen der heutigen Zeit einfach überhaupt nicht - da fehlt eben dieser analoge, rauhe und unglaublich spacige Spirit, der damals (so ungefähr von der Mitte der 1970er- bis in die frühen 1980er-Jahre) in Jamaika vorgeherrscht hat. Es ist ein unglaubliches Glück, daß durch den damaligen globalen Siegeszug von Bob Marley im Westen ein großer Bedarf an Reggae- und Dub-Produktionen geherrscht hat; das gibt obsessiven Dub-Freaks wie eurem Bloghost die Möglichkeit, noch viele Jahre zu jagen und zu sammeln und dabei die allerwunderbarsten, erleuchtendsten Entdeckungen zu machen.

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¹ Veal, Michael: "Dub: Soundscapes and Shattered Songs in Jamaican Reggae", Wesleyan University Press, 2007

Wenn ihr da unterhalb auf den Link klickt (könnt ihr auch am Blog rechts oben machen) kommt ihr zu der ständig wachsenden Dub-Playlist eures Docteurs auf Youtube.

Puffer's Choice: Dub



Montag, 27. August 2018

Dubwise 01: Super Ape.


Reggae und sein wunderbarer Zwillingsbruder Dub sind für uns Stoner ja sowas wie eine ständige Offenbarung. Zu den lieblichen Messages von Friede und Liebe und dem Lobpreis des Ganjas gesellt sich dieser unwiderstehliche karibische Laidback-Rhythmus; und bei vielen Reggae-Produktionen auch soundtechnische Experimente, die unser High engültig in schwindelerregende Höhen treiben. Unter all den wunderbaren Produzenten (von Prince Jammy bis Scientist) ist das Werk von Lee “Scratch” Perry natürlich the REAL real thing. Der seit vielen Jahren in der Schweiz angesiedelte Jamaikaner ist inzwischen stolze 82 Jahre alt, seiner Kreativität und seinem (wohldosierten) Wahnsinn tut das aber selbstverständlich keinen Abbruch.

Perrys Output ist bekanntlich ein Fass ohne Boden; in diversen sozialen Medien führen die Diskussionen über seine besten Werke regelmässig zu leidenschaftlichen Streitgesprächen. Euer Bloghost hier verehrt ganz besonders die Werke, die mit Kung Fu (inspiriert von Bruce Lee-Filmen ) und King Kong zu tun haben. Der heißgeliebteste Monsteraffe der Popkultur wird bei Perry zum Super Ape und hat für drei Releases gesorgt, die ich hier in aller gebotenen Kürze angemessen lobpreisen möchte.

Super Ape (1976, Island Records)

1976 war ein wirklich gutes Jahr für Perry: Die von ihm produzierte Max Romeo-Single “War in a Babylon” war dermassen erfolgreich, das sie ihm das Tor zum erfolgreichen Label Island Records öffnete. Die damit einhergehenden finanziellen Mittel wurden gleich für neues Equipment und eine Einspielung investiert, die den Meister auf der Höhe seines Könnens zeigt. Perrys “Hausband” The Upsetters spielte und sang insgesamt zehn Tracks ein, die anschließend die besondere Behandlung durch das Mischpult und die Effekte des Mixmasters erfuhren. Super Ape ist eines der interessanten Beispiele, wie ein spezielles Studio für einen Klang sorgt, den man jederzeit und überall identifizieren kann: Das Black Ark-Studio von Perry klingt nach einem dicken, superbequemen fliegenden Teppich, der den geneigten Stoner mittels unglaublicher Halleffekte in alle möglichen und unmöglichen Ecken eines unendlichen Klang-Multiversums transportiert. Und nebenbei ist die Musik so unglaublich entspannt und doch so groovy. Höchst infektiös!


The Return of the Super Ape (1978, Cleopatra Records)

Der Nachfolger von Super Ape beginnt mit einem süßen, kleinen Liedchen (”Dyon-Anaswa”), von dem man sich aber nicht täuschen lassen sollte, den bereits der zweite Track taucht uns ganz tief in psychedelische Gewässer. Es grunzt, es muht, es dampft, zischt, es brodelt. Immer wieder tauchen sinistre gesprochene Botschaften des Meisters auf, vermutlich nicht für menschliche Zuhörer bestimmt, sondern als keynote adress an die vielen bösen Dämonen, die Mr. Perry ja immer in Schach halten muß. Das scheint allerdings leider nicht gereicht zu haben, denn bald nach der Aufnahme von “The Return of the Super Ape” hat er dann sein Black Ark Studio niedergebrannt (weil es von Satan infiziert war).


Super Ape Returns To Conquer (2017, Subatomic Sound)

41 Jahre nach dem Release von Super Ape kehrt der inzwischen über 80-jährige Lee Perry zu seinem Originalalbum zurück, und er tut das auf sehr originelle Weise. Das Subatomic Sound System aus New York (das ja schon länger als Backing Band bei seinen Liveauftritten fungiert) hat die Tracks aus dem Originalalbum neu eingespielt (incl. damals unveröffenlichter Tracks, Skizzen, Ideen etc.), und Perry hat zusammen mit dem Produzenten Emch in seinem New Ark-Studio in Jamaica die finalen Akzente gesetzt - sehr sparsam, muß man löblicherweise bemerken, seine doch schon etwas wacklige Stimme wurde nur ganz gezielt verwendet. Die Irritation über diese supercleane, digitale Produktion muß man erstmals überwinden; dann versteht man aber, das dies ein grandioser Weg ist, die Magie des Super-Affen in das 21. Jahrhundert zu überführen. Super Ape wird ewig leben!


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Donnerstag, 23. August 2018

Der singende Teufel.


In den neueren Büchern zur Geschichte des Progressive Rock ist es en vogue geworden, den ungarischen Komponisten und Dirigenten Franz Liszt (1811-1886) als den ersten wahren “Prog-Rocker” zu bezeichnen. Damit gemeint ist nicht nur der Tumult, die Begeisterung und das unbedingte Fantum, das Liszt zu jener Zeit zum absoluten Superstar machte, sondern auch die Pompösität seiner Musik, die sowohl in Form als auch in der Anzahl der Mitwirkenden alle anderen Konzertaufführungen alt und blass aussehen ließ.


Denn: So wie sich der Progressive Rock von Emerson Lake & Palmer, Genesis und Yes am Vorabend der Punkrevolution selbstverliebt in seinem opulenten Schwanengesang badete, feierte die Musik der Romantik in ihren letzten Zuckungen vor der alles zerstörenden Ur-Katastrophe des Ersten Weltkriegs sich selbst und wucherte in die absolute Gigantomanie. Und so wie der Prog-Rock die harten Stiefeltritte des Punk in seiner erhabenen Blase eigentlich unbeschadet überstand, gab es bis in die Zwischenkriegszeit noch romantisch gefärbte und museal anmutende Klangkaskaden diverser Komponisten zu bestaunen.


“Der singende Teufel”, eine 1928 uraufgeführte Oper von Franz Schreker erscheint mir hier als perfektes Sinnbild: Um ein Waldkloster mittelalterlicher Mönche vor den Angriffen paganischer Heiden zu schützen, erbaut ein findiger Instrumentenbauer eine Monsterorgel (den “singenden Teufel”), die durch die Mächtigkeit ihres Klangs die anstürmenden Heiden in die Knie zwingt (wodurch sie von den Mönchen samt und sonders abgeschlachtet werden können). Schreker nimmt hier nicht nur grauenvolle Kriegsinstrumente wie die “Stalinorgel” vorweg, sondern lässt uns auch an den manischen Keith Emerson und die Messerattacken auf seine Synthesizer bei Liveauftritten denken.


Für diese spätromantischen Auswüchse, die sich keiner Zeitepoche zuordnen lassen, wurden von diversen Musikhistorikern (eher wenig schmeichelhafte) Charakterisierungen vorgeschlagen: “Maximalismus” (Richard Taruskin) “Dekadenz” (Stephen Downes), oder gar “terminologischer Schnitzer erster Güte” (Carl Dahlhaus). Diese Kompositionen sind eigenbrötlerische, sture Auflehnungen, gespeist von Richard Wagners Gigantomanie und der Elfenbeinturmhaftigkeit der Programmmusik von Richard Strauss; alles wirklich komplex, kompliziert und genial, aber doch ganz knapp am Rande der Tonalität und in gefährlicher Nähe zu Pathos und Kitsch. Am Rande all dieser Spektakel (die zu ihrer Zeit unglaubliche Publikumserfolge waren!) wartete aber schon längst die Moderne – personifiziert in dem Kritiker und Kulturpessimisten Theodor W. Adorno – begierig darauf, wie die Filmfigur Dr. Caligari einen düsteren Schatten auf all den irrlichternden Glanz zu werfen.


Zwei exemplarische Werke dieser ausufernden Spätromantik sollen hier als Beispiel zitiert werden: Da wären zum Beispiel die “Gurre-Lieder” von Arnold Schönberg, der sich bei der Uraufführung dieses Gewaltwerkes 1913 schon längst vom “romantischen Klangideal” abgewandt und der Atonalität zugewandt hatte. Das Oratorium für fünf Gesangssolisten, Sprecher, Chor und großes Orchester hatte er allerdings in Grundzügen schon 1903 vollendet und machte sich erst nach sieben Jahren Pause an die Instrumentation. Es spricht für die unglaubliche Integrität Schönbergs, dass er seinen früheren Kompositionsstil nicht verwarf, sondern ihn als Teil seiner Entwicklung akzeptierte. 1911 schrieb er: “Dieses Werk ist der Schlüssel zu meiner ganzen Entwicklung. Es zeigt mich von Seiten, von denen ich mich später nicht mehr zeige oder doch von einer anderen Basis. Es erklärt, wie alles später so kommen mußte, und das ist für mein Werk enorm wichtig: daß man den Menschen und seine Entwicklung von hier aus verfolgen kann.” ¹

Die Gurre-Lieder, aufgeführt 2015 in Grieghallen, Bergen.
Die Gurre-Lieder sind in ihrem Klangreichtum und ihrer Komplexität bis heute unerreicht. Die Geschichte um einen König und seine heimliche Liebe nach einer dänischen Volkssage gemahnt mit ihren Leitmotiven an eine Wagner-Oper, nur eben noch viel komplexer und verschlungener ausgedacht: “[...] Die selbständigen Einzellieder [finden] durch thematische Beziehungen zu einer weit gespannten Form zusammen. Den inneren Zusammenhalt bedingt das Wiedererscheinen bestimmter thematischer Bildungen, die eng im jeweiligen Kontext verwoben sind. Liedübergreifende Motive werden immer aus neuen, für das Einzelstück charakteristischen Gedanken gewonnen. [...] Ein weiteres Bindeglied der in sich geschlossenen Einzellieder bilden die Überleitungen. [...] In diesen Techniken manifestiert sich das Prinzip der ›thematischen Entwicklung‹, die sich auf zwei Ebenen abspielt: auf der Ebene des Einzelliedes und auf der des gesamten Werkes.” ²

 

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Das zweite Beispiel einer sehr späten romantischen “Klangexplosion” kommt von meinem absoluten Lieblingskomponisten, der erst seit einigen Jahren langsam wiederentdeckt wird, trotzdem aber leider weiterhin kaum bekannt ist. Es ist Joseph Marx (1882-1964), der in meiner Heimatstadt Graz geboren wurde und dort auch großteils gewirkt hat. Ein Titan seiner Zeit; Komponist, Musikkritiker, guter Freund von Puccini, Ravel, Resphigi und Richard Strauss und einflussreicher Lehrer (mit über 1300 Schülern) – leider wurde ihm posthum seine Namensgleichheit mit dem Münchener Verfasser von Liedern für die Hitlerjugend, Karl Marx, zum Verhängnis. Zum Glück wurde seine Person inzwischen von allen falschen Anschuldigungen befreit und man kann (und sollte unbedingt!) das Werk dieses mehr als einzigartigen Spätromantikers neu entdecken.


Zum Beispiel seine “Herbstsymphonie”, die laut Wikipedia zu den längsten und am üppigsten besetzten symphonischen Werken der Musikgeschichte gehört. ³ Die Uraufführung 1922 in Wien geriet zum Skandal, weil der Dirigent und die Musiker der Wiener Philharmonie mit der Komplexität der Partitur schlicht überfordert waren. ⁴ Danach geriet die Herbstsymphonie in Vergessenheit und erst im Jahr 2005 kam es aufgrund der Bemühungen der Joseph-Marx-Gesellschaft und des steirischen Musikfestivals Styriarte zur erneuten Uraufführung im Stefaniensaal in Graz; 2008 folgte dann die US-Premiere in New York. Leider gibt es bis heute keine Einspielung auf CD, euer Bloghost hat die Radioübertragung des damaligen Konzerts (die einzige Aufführung in der geforderten Mammutbesetzung und ohne Kürzungen) mitgeschnitten und auf Youtube gestellt. Bitte hört euch das an – mehr Klangrausch ist in keiner Musik zu finden. Hier brüllt der singende Teufel aus allen Rohren!




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¹, ² https://www.schoenberg.at/index.php/de/typography/gurre-lieder

³, ⁴ https://de.wikipedia.org/wiki/Eine_Herbstsymphonie

Freitag, 17. August 2018

Die Farben des Lärms.

Der eine oder andere geneigte Leser dieses Blogs dürfte vielleicht schon einmal auf den Begriff ASMR gestoßen sein. ASMR (Autonomous Sensory Meridian Response) ist eine relativ neue Definition und meint in etwa “Sinnesmassage” oder “Hirnorgasmus”. ASMR wird als Akronym im deutschen Sprachraum verwendet, es gibt keine offizielle entsprechende deutsche Übersetzung für den Begriff. ¹


Man kann es aber recht gut beschreiben: Bei manchen Menschen entsteht beim Hören von bestimmten Geräuschen und anderen auditiven Reizen ein Kribbeln auf der Haut, das sich vom Kopf her der Wirbelsäule entlang bis hin zum Gesäß ausbreitet. Beschrieben wird dieses Empfinden oft wie ein angenehmer Gänsehaut-Schauer, der jedoch länger andauert und intensiver wirkt. Die auslösenden Trigger dafür sind zum Beispiel Flüstern, leises Sprechen oder Singen oder das Geräusch, wenn man mit langen Fingernägeln einen Gegenstand berührt. Diese Art der ASMR-Videos hat es auf Youtube immerhin schon auf mehrere Millionen Videos und Millionen von begeisterten Abonnenten gebracht.

 (Hinweis: Unbedingt mit Kopfhörer anhören!)

ASMR scheint für viele stark verbunden mit dieser Art der Youtube-Videos zu sein – dabei gibt es das Phänomen schon viel länger, als es Youtube überhaupt gibt. Ich persönlich bin Anhänger einer ASMR-Variante, die ausschließlich mit “weißem Rauschen” zu tun hat: Meine Hirnmassage beginnt dann, wenn ich irgendwo ein Gebläse erwische, einen Ventilator, einen Heizlüfter. Wenn es dazu noch regnet und blitzt und donnert, befindet sich euer Bloghost quasi im Himmel. Dass man Glücksgefühle empfindet, wenn man einen warmen Luftstrom verspürt, könnte seinen Ursprung wohl in frühkindlichen Erlebnissen von Geborgenheit haben. Viele Menschen lieben zum Beispiel auch das Geräusch und das warme Gebläse eines Föns – ein berühmtes Beispiel ist der deutsche Musiker Herbert Grönemeyer, der gerne zugibt, die besten Songideen am Klavier zu haben, wenn er einen Fön zur Hand hat. ²


Analoge Ventilatoren und Föns sind natürlich the real thing – die Dauernutzung dieser Geräte ist aber selbstverständlich auch eine Kostenfrage. Günstiger ist es da schon, wieder auf Videos auszuweichen. Auf Youtube gibt es White Noise in allen Kombinationen für wirklich jedes Bedürfnis: Regen, Regen mit Donner, Regen mit Donner und Heizlüfter, alle Arten von Ventilatoren, Geräusche von Serverräumen, Geräusche von Zügen, Flugzeugen, ja sogar alle Arten von Landmaschinengeräuschen – die Möglichkeiten sind unendlich. Hier kann man sich je nach Intuition aussuchen, was einem Wohlgefühle bereitet. Man kann aber auch vorher schon ein bisschen Analyse betreiben – indem man sich mit dem “Grundstoff”, also dem Rauschen – ein wenig näher auseinandersetzt.

Photo von researchgate.net.
Die ganzen physikalischen Definitionen lassen wir dabei weg – es gibt eine Analogie, welche die ganzen Spektren des Noise recht gut veranschaulicht, nämlich die des Lichts: So, wie weißes Licht sämtliche Farben enthält, enthält weißes Rauschen sämtliche Frequenzspektren – auch die hohen Frequenzen. Man kennt dieses Geräusch von früher, wenn im Fernsehen KEIN Programm lief und das bekannte “Schneegestöber” am Bildschirm von einem lauten Rauschen begleitet wurde. Filtert man gewisse Frequenzen aus dem weißen Rauschen heraus, erhält man verschiedene Frequenzspektren, die je nach persönlicher Disposition als stressig oder angenehm empfunden werden – und diese werden mit verschiedenen Farben bezeichnet.

Rosa Rauschen: Pink Noise ist seit einigen Jahren das beliebteste Frequenzspektrum: Zum weißen Rauschen gesellt sich hier ein relativ prägnanter Basssound, der die hohen, “zischelnden” Spitzen abmildert. Regen ist ein perfektes Beispiel für rosa Rauschen; wegen seines beruhigenden, unaufdringlichen Klangs wird Pink Noise deswegen auch gerne zur Beruhigung schreiender Babys, aber auch für Menschen mit Einschlafproblemen und andererseits für Studierende zur Förderung der Konzentration empfohlen. ³

Braunes Rauschen: Brown Noise hat noch weniger Höhenanteile, wobei hier die tiefen und mittleren Frequenzen ungefähr gleich intensiv sind. In der Fachliteratur ist “Brown” übrigens keine Farbzuordnung, sondern kommt von “Brownian Motion”, benannt nach einer spezifischen Art in der sich Partikel in einer Flüssigkeit bewegen. Braunes Rauschen erinnert am ehesten an starken Wind oder an das Geräusch, wenn große Wellen eines Ozeans heranbranden.

Blaues Rauschen: Blue Noise sei hier nur der Vollständigkeit halber genannt; hier sind nämlich ausschließlich hohe Frequenzanteile enthalten. Man verwendet dieses Spektrum zum Beispiel in Aufnahmestudios, um etwaige Übersteuerungsspitzen eines aufgenommenen Songs im Nachhinein abzurunden.

Grünes Rauschen: Durch die hauptsächlich mittleren Frequenzanteile wird Green Noise gerne zur Simulation von Umgebungsgeräuschen in der Natur verwendet.

Graues Rauschen: Das ist das Spektrum, mit dem sich euer Bloghost am wohlsten fühlt; hier kommen hauptsächlich tiefe Frequenzen zum Einsatz. Das ist der Sound riesiger Ventilatoren, wie sie in der Industrie verwendet werden. Musikalisch ist Grey Noise essentiell für die Komposition sogenannter Drones.


Ein rein theoretisches Konzept ist übrigens “Black Noise”: Die Abwesenheit sämtlicher Signale würde totale Stille bedeuten – etwas, das auf der Erde nirgends möglich ist (ich habe im ersten Artikel der ASMR-Serie darüber geschrieben).

Mit dieser groben Einteilung sollte es für den neugierigen Hörer also möglich sein, den perfekten Lärm für sich zu finden. Was man damit anstellt (den Tinnitus maskieren, leichter einschlafen, sich besser konzentrieren können etc.) bleibt jedem selbst überlassen. Für die im vorigen Artikel beschriebene Pareidolie, die recht spannende Audiophänomene wie Stimmen und “geisterhafte” Musik auslösen kann, empfehle ich eine Kombination aus verschiedenen Sounds und zur Empfindungssteigerung den Genuss diverser rauschhafter Substanzen.


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¹ https://de.wikipedia.org/wiki/Autonomous_Sensory_Meridian_Response

² Antenne Düsseldorf: Fünf für Herbert Grönemeyer

³ http://time.com/4694555/pink-noise-deep-sleep-improve-memory/

Mittwoch, 8. August 2018

Musik aus dem Ventilator.


In irgendeiner Zeitung hab ich kürzlich gelesen, dass durch die konstante Erwärmung auch die Lärmbelästigung durch Klimaanlagen und Ventilatoren zunimmt – es summt, brummt, klirrt und weht überall. Laut diesem Artikel wären die Menschen durch diese Lärmbelästigung zusätzlichem Stress ausgesetzt und würden sich nichts sehnlicher als Stille wünschen. Das Problem: Stille ist ein rein theoretisches Konzept, im echten Leben kommt sie nicht vor. Das kann man in sogenannten “schalltoten” Kammern (richtiger: “reflexionsarmen Räumen”) feststellen, wie es sie zum Beispiel an der Uni Wien und vielen weiteren Universitäten gibt.

John Cage im "Anechoic Chamber", Harvard (1951)
Ein solcher Raum namens “Anechoic Chamber” an der Harvard-Universität wurde 1951 vom berühmten Komponisten John Cage besucht. Was er in diesem wohl stillsten Raum der Welt hörte, ließ er sich hinterher erklären: einerseits das Rauschen seines eigenen Blutes und andererseits das hohe Sirren seines Nervensystems. ¹ Selbst in einem schalltoten Raum kann man also nicht von absoluter Stille sprechen. Diese Erfahrung prägte nicht nur seine musikalische Philosophie (und führte letztendlich zu der legendären Komposition 4’33) – bis in die letzten Jahre seines Lebens ließ sie Cage den Straßenlärm unterhalb seines New Yorker Apartments nicht nur stoisch ertragen, sondern zu einer ständigen Inspirationsquelle werden: “Wherever we are, what we hear is mostly noise. When we ignore it, it disturbs us. When we listen to it, we find it fascinating”. ²


4’33 weist da ganz exemplarisch den Weg. Dieses heute noch sehr kontrovers rezipierte Werk Cages besteht ja bekanntlich darin, dass ein Konzertpianist während der Aufführung den offenen Klavierdeckel zuklappt, eine Stoppuhr startet, und dann exakt vier Minuten und 33 Sekunden NICHTS tut. Was Cage damit bezweckte: Wenn wir innerhalb einer gewissen Zeitspanne gezwungen sind, auf unsere Umgebungsgeräusche zu hören, können wir mit diesem Material unsere eigene “Musik” komponieren – die besteht in dem Fall der vorliegenden Konzertsituation aus dem Wispern, Rascheln, Murmeln und Sesselrücken eines höchst irritierten Publikums. Das ist übrigens auch eine wunderbare Übung, die in manchen Einführungen zum Thema “Komposition” empfohlen wird: Man nehme eine gewisse Situation am Tag (zum Beispiel während eines Spaziergangs, auf dem Weg zur Arbeit) und höre in dieser Zeitspanne genau auf die Umgebungsgeräusche – ein bisschen Fantasie vorausgesetzt, lassen sich diese Geräusche im Kopf zu einer richtigen Symphonie zusammensetzen.

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Damit zurück zu den rauschenden Ventilatoren: Wenn man den Ärger über die Lärmbelästigung aufgibt und versucht, dem Klang dieser Maschinen einmal ganz vorurteilsfrei zu lauschen, wird man erstaunt sein, was man da alles so hört: viele Arten von unerwarteten Geräuschen, seltsame Musik, menschliche Stimmen und mehr. Das kann zwischendurch auch ganz schön irritierend werden.

 

Der Grund dafür liegt in der sogenannten Clustering-Illusion, die laut Definition “die menschliche Eigenschaft beschreibt, zufälligen Mustern, die in ausreichend großen Datenmengen zwangsläufig vorkommen, Bedeutungen zuzuschreiben.” ³ Eine Variante davon ist die sogenannte Pareidolie – die zweifelhafte Fähigkeit unseres hyperaktiven Gehirns, in solchen für uns ungeordneten Umgebungen sofort eine gewisse Art von Sinn zu erkennen. Hat nicht jeder schon einmal in den Unregelmäßigkeiten einer Mauer ein Gesicht gesehen? Das Erkennen von Gesichtern in zufälligen Strukturen ist ein perfektes Beispiel für die Pareidolie und kann wie im Falle des “Marsgesichts” sogar als Schlagzeile um die Welt gehen. Die Pareidolie ist außerdem als Erklärung für so gut wie alle “Geisterfotos” zu gebrauchen, die im Internet kursieren und nicht sowieso absichtlich gefaked sind.


Das Ganze funktioniert natürlich auch auf der Ebene des Hörens: Auch hier versucht unser Hirn, aus den ungeordneten Mustern eines Geräuschs etwas uns Bekanntes herauszufiltern – das reicht dann von den vorhin beschriebenen leichten Audiohalluzinationen über die von übernatürlichen Kräften empfangene “Himmelsmusik” bis hin zu den “Toten”, die aus dem Jenseits zu uns via Radio sprechen oder zu den sogenannten “Reversals”, die man beim Rückwärts-Abspielen populärer Songs entdeckt haben will. Die von Esoterikern und Verschwörungstheoretikern zugeschriebenen Bedeutungen dieser Phänomene lassen sich übrigens ganz leicht entzaubern: Wenn man nicht vorher schon mitgeteilt bekommt, was man hören wird (eine zwingende Praxis in solchen Kreisen) und das Hirn dann diese Interpretation brav bestätigt, wird man nur das hören, was diese angebliche Phänomene wirklich sind – eine rein zufällige Anordnung von Geräuschen.


Es gibt übrigens bei der beschriebenen Pareidolie auch eine enge Verwandtschaft zur sogenannten Apophänie – einem Symptom der Schizophrenie, bei dem die Wahrnehmungen in zufälligen Mustern beginnen, eine persönliche Bedeutungsebene anzunehmen. Wenn das der Fall ist, wird es jedenfalls höchste Zeit, etwas für die geistige Gesundheit zu unternehmen. Wir kennen alle den einen oder anderen tragischen Fall, in dem einem psychisch kranken Menschen “persönliche Botschaften” über das Radio, TV oder andere Medien übermittelt werden; in fast allen Fällen ist das ein relativ sicheres Zeichen für eine Psychose.


Das soll uns jedoch nicht davon abhalten, schöne Musik aus Ventilatoren zu hören. Zumindest den Stresslevel bezüglich Umgebungslärm kann man so wunderbar abbauen oder verringern. In der Tat gibt es da schon eine richtige Industrie, die sich die Phänomene ASMR und White Noise einverleibt hat – aber das ist Thema des nächsten Teils, den ihr in Kürze auf meinem Blog lesen könnt.

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¹ John Cage and the anechoic chamber.

² John Cage, Silence: Lectures and Writings, Wesleyan 50th Anniversary Edition, 2013

³ https://de.wikipedia.org/wiki/Clustering-Illusion