Sonntag, 15. Juli 2018

In den Katakomben des Doom

Im Sommer, bei richtig heißen Temperaturen verschwinden lichtscheue Gestalten wie euer Nachtmahr Dr. Nachtstrom gerne im Untergrund. Da gewandet er seinen voluminösen Luxuskörper in eine verschlissene, schwarze Kutte und steigt, ausgestattet mit einer flackernden Kerze, die schlüpfrigen Stufen hinunter in die lichtlosen, muffigen Gewölbe und Katakomben, in denen die anderen lichtscheuen Gestalten dem ewigen DOOM huldigen.


An dieser mächtigsten Spielart des Heavy Metal kratzt keine der vielen Veränderungen des allgemeinen Musikgschmacks; Trends und Versuche der Vereinnahmung prallen ab wie an härtestem Granit.



Dieser schwarze und in seinen spirituellen Dimensionen unfassbare Musik-Monolith erlaubt die Verehrung und die Kunde seiner subsonischen Botschaft nur innerhalb eng definierter Grenzen. Die ersten vier Black Sabbath-Releases sind zugleich altes und neues Testament; in seiner unfassbaren Gnade erlaubt der dunkle Herr seinen Jüngern aber, sich in verschiedenen Kongregationen zu versammeln und diesen auch schöne Namen zu geben: Traditional Doom, Epic Doom, Stoner Doom, Sludge, Funeral Doom, ja sogar die Untiefen der Ozeane dürfen gepriesen werden mit dem wunderbaren Nautic Doom. ¹



              
                        
Und wenn die Brüder und Schwestern müde sind vom ewigen Verkünden des schwarzen Gospels, ist es ihnen erlaubt, sich zu den ewigen Klanghallen des Drone Doom in ihre Gräber zu legen und in den unruhigen Schlaf der Untoten zu verfallen, bis das Wort wieder von neuem erhallen muß aus den tiefsten Tiefen bis in die Welt der Lebenden hinauf; dann durchstoßen blutige Krallen und Klauen morsche Grabdeckel und wühlen sich durch feuchtes, wurmiges Erdreich nach draussen.



***

Aber habt keine Angst, Kinder der Sonne und des Lichts: Wir wollen euch nichts tun, wir suchen und gieren nicht nach frischem Blut. Denn seit der dunkle Herr Ende der 1960er-Jahre beschloss, die ersten Apostel mit SEINEM schwarzen Wort in die Welt zu schicken, ist an Jüngern nie ein Mangel gewesen.

 

Denn der Herr gibt den Seinen: Wer einmal vom schwarzen Wein gekostet hat, vom verdorbenen Brot gegessen, der möchte nur mehr mit Hingabe die Lyra spielen wie Nero vor dem brennenden Rom und voller Inbrunst vom Unglück der Welt und der nutzlosen Menschenkinder in ihr künden - so lange bis die alten Götter aus ihrem Schlaf erwachen und wieder den Platz einnehmen, der auschließlich der ihre war, vor unzähligen Äonen.

 

***

¹ https://en.wikipedia.org/wiki/Doom_metal

Anm.: Das entsprechende Mixtape zu diesem Text gibt es am Mittwoch, dem 18.07. ab 22.00 im House of Pain auf Radio FM4 zu hören, die Sendung ist dann 7 Tage lang als Stream auf der Homepage des Senders abrufbar. Nähere Infos zu unseren Sendungen immer hier.

Dienstag, 10. Juli 2018

AUDIOREVUE 02: Satanische Hippies und schwarze Lava.


Gestern beim Konzert der Wolves in the Throne Room ¹ wurde ich von der mir bis dato unbekannten Vorband ordentlich überrascht. Auf der kleinen Bühne der Wiener "Arena" war da eine sechsköpfige Truppe zusammengequetscht und böllerte eine Soundwand nach der anderen auf das Publikum, das es eine das Trommelfell zerfetzende Freude war. Natürlich war ich nach dem Konzert SOFORT auf Bandcamp und habe mir das aktuelle Werk “Void” gekauft.

Der Sound dieser belgischen Formation namens Wolvennest (WLVNNST) lässt in seiner Einzigartigkeit aufhorchen: Hier treffen die wunderbarsten Hippie/Stoner-Ideale auf den reißenden Strom schwarzmetallischer Brachialriffs. Wie könnte man das klassifizieren? Satanische Hippie-Musik? Vielleicht der Soundtrack, zu dem die Manson-Family auf der Spahn-Ranch getanzt hätte. Die brachialen Soundwände von "Void" werden durch den unschuldigen Gesang und das vorzüglich eingesetzte Theremin-Spiel von Sängerin Shazzula (was für ein Name!) ein bisschen aufgelockert, aber das düstere Soundbrett drückt dich trotzdem unerbittlich auf den Boden.


***

Bei “Void”, dem aktuellen Werk präsentiert sich Wolvennest als ausgereifte Band. Zu Beginn war das noch ein “musical partnership project”, welches den Blutharsch - Chefdirigenten Albin Julius und seine Sängerin Marthynna inkludierte; so entstand das Debütwerk WLVNNST, welches NOCH tiefer (falls das überhaupt möglich ist) in die okkulten Untiefen des Neo-Krautrock eindringt. Aus dieser fruchtbaren Partnerschaft heraus entstand unter anderem auch das Werk “The Wolvennest Sessions”, dieses wiederum unter der Ägide des berühmt-berüchtigten Kollektivs Der Blutharsch and The Infinite Church Of The Leading Hand.

Wer Albin Julius und seine ganz spezielle Art des musikalischen Stonertums kennt und schätzt, der muß diesen Release unbedingt besitzen (wer nicht, sollte sich den natürlich ebenfalls zulegen), denn hier sind wir endgültig im Düsterland irrlichternder, kruder Science Fiction angelangt. Die fiebrigsten Visionen eines H.P. Lovecraft mögen als vage Richtschnur dienen in dieser Proto-Spielart eines eigentlich unmöglich unter einen Hut zu bringenden Doom/Black Metal/Stoner-Derivats, das sich mit zäher Urkraft wie schwarze Lava aus den Lautsprechern wälzt. Sicher einer der spannendsten Underground-Releases der letzten Jahre und ein unverzichtbares Werk in der Audiothek des geneigten Connaisseurs.


***

Wo Wolvennest ihre schwarze Saat säen, ist das deutsche Projekt (DOLCH) natürlich nicht weit - viele Reviewer haben auf die Verwandtschaft der beiden Bands hingewiesen (auch ich wurde von einem kundigen Sammler darauf aufmerksam gemacht), beide befinden sich auch passenderweise am selben Label, Ván Records.

Wolvennest und (DOLCH) mögen Geschwister im Geiste sein, die “urzeitliche” Erfahrung ersterer Band weicht hier allerdings eher einem feinen Gespinst von Diversität. Das ist immens spannend - während man bei den von Ván Records neu aufgelegten Demos “I & II” noch Postpunkeinflüsse heraushört (respektive Shoegaze: mit dem weiblichen Gesang klingen (DOLCH) für mich manchmal wie die Cocteau Twins auf LSD), wandelt sich die Musik des Duos im Lauf der nächsten Releases (Split-Single mit King Dude, “III”) eher in eine rituelle Neofolk- Richtung. Man darf gespannt sein, was da noch kommen mag; nichtsdestotrotz ist “I & II” eine absolute Kaufempfehlung dieses Bloghosts hier.


***

¹ Über die Musik der Wolves habe ich hier geschrieben.

Montag, 9. Juli 2018

Black Metal "R" Us.


Ewiggestrige, nationalistisch-rassistische Black-Metal-Puristen: Nehmt euch einen Strick für die nächste Eiche oder besser noch, stürzt euch von einem hohen Felsen ins eiskalte Meer. Denn eure kleine böse Welt, die ist nicht mehr die eure! Die gehört jetzt uns, den wohlmeinenden Hipster-Humanisten.

Wie konnte denn das passieren? Rekapitulieren wir kurz die Geschichte des Black Metal:
In den späten 80er-Jahren (nachzulesen in “Lords of Chaos”) entstand in Norwegen eine dunkle und unglaublich beseelte Musikrichtung, die aus der Verehrung damals schon kultiger Metal-Klassiker erwuchs und mit der Zugabe böser alter Volkssagen zu kalter Raserei, zu purem Hass, aber auch zum faszinierenden Bildersturm mutierte.


Nitzscheaner, Satanisten, Misanthropen aller Art, Verehrer von westlich-musikalischem Pathos und andere Dunkelgestalten wurden davon angezogen wie Motten von Licht und wurden binnen kürzester Zeit zu leidenschaftlichen Fans auf Lebenszeit.

Leider war diese Idee nicht nur faszinierend, sondern auch wurmstichig: Sie erlaubte es nämlich minderbemittelten Subjekten, ihre armseligsten Charakterschwächen auszuleben – das Resultat ist uns mit den Bildern von Morden und brennenden Kirchen noch in schrecklicher Erinnerung.


Irgendwann allerdings kamen findige Produzenten auf die Idee, den damaligen Mummenschanz in ein für die Populärkultur taugliches Paket zu verwandeln. Mit Dimmu Borgir landete schließlich die erste Black-Metal-Band auf der Titelseite diverser Jugendzeitschriften und auch in den Albencharts vieler europäischer Staaten.

Dimmu Borgir, Poster-Boys des BM.
Dem harten Kern war das nicht nur egal – sondern auch höchst willkommen: War es doch eine perfekte Gelegenheit, sich noch mehr zu verschwören und noch mehr Hass in den kleinhirnigen Fankreisen zu streuen. Das Schlimmste allerdings stand den “nordischen Kriegern” noch bevor: Black Metal wurde hip und verlor damit endgültig den Schrecken, den er dem Mainstream bis dato eingejagt hatte.

Von Anfang an zwischen allen Stühlen: Ulver (Photo von Ingrid Haas)
“Hipster-Black-Metal” ist für Musiknarren wie mich allerdings tatsächlich kein Schimpfwort. Dieses aus einer abfälligen Bezeichnung entstandene Subgenre ist eigentlich eine wunderbare Heilkur. Hochkarätige Bands abseits nationalistischer Kreise begannen, sich mit Black Metal zu beschäftigen. Sie machten mit spielerischer Kreativität dort weiter, wo Bands wie Emperor, Ulver und Mayhem (mit ihrem progressiven Release “Grand Declaration of War”) begonnen hatten, diese bis dato streng hermetische Stilrichtung für Experimente zu öffnen.

MYRKUR (Photo von Daria Endresen, www.myrkurmusic.com)
Das Thema spukt mir seit einigen Tagen deshalb im Kopf herum, weil ich in Kürze ein Konzert der grandiosen Wolves in the Throne Room besuchen werde. Neben Liturgy, Alcest, den Schweizern Schammasch sowie der verehrungswürdigen Amalie Bruun a.k.a Myrkur (die – wie sollte es anders sein – als Frau unfassbare Beschimpfungen der NSBM-Fans über sich ergehen lassen musste) sind die Wolves mit ihrem aktuellen Werk “Thrice Woven” die schönste Einladung, sich mit dieser sehr faszinierenden Stilrichtung auseinanderzusetzen. ¹



Die Nationalisten, Rassisten und Patrioten des Black Metal gibt es natürlich auch noch immer: Sie haben sich unter dem Banner des NSBM zusammengesammelt – genauer gesagt unter der Flagge von Varg Vikernes, der leider nach der Verbüßung seiner Haftstrafe für den Mord an seinem Freund Euronymus längst wieder seinen rassistischen Müll über soziale Netzwerke verbreiten darf. Aber sie sind bloß die traurigen Reste der einstigen “stolzen Heerscharen”. Mit der kreativen Kraft der Musik, die ihnen nun nicht mehr gehört, werden die Ewiggestrigen irgendwann entweder zertrampelt oder auf die “gute Seite” gezogen. Because: The light is always winning.


***

¹ Wobei ich ja der wilden Kraft des ursprünglichen Black Metal überhaupt nicht abgeneigt bin – gerade Gorgoroth z.b. faszinieren mich sehr in all ihrer schillernden Bösartigkeit. Aber auch deren langjähriger Sänger Gaahl (neben Vikernes DIE Galionsfigur des hasserfüllten, traditionellen BM) entpuppte sich im Endeffekt wie Johnny Rotten von den Sex Pistols viele Jahre früher als unglaublich “untrue”. Gaahl beging außerdem die Kardinalsünde in diesen Kreisen überhaupt, indem er sich als homosexuell outete; dafür wurde er nicht nur geächtet, sondern auch mit dem Tode bedroht.

Gaahl: Früher Kinderschreck, heutzutage eine starke, geläuterte Persönlichkeit.

"Heavy Metal ist an sich ein sehr ungelenkes Genre. Es gibt viele Klischees und die Leute tun vieles, um diese zu beschützen." Ein spannendes Noisey-Interview von 2016 mit Nergal, Frontmann von Behemoth. > hier zum nachlesen.

Essential Hipster Black Metal: Die Metalstorm - Referenzliste.

Sonntag, 1. Juli 2018

Erlesene Musik.


Im elterlichen Haushalt meiner Kindheit gab es keine Jazzplatten; nur die nach streng deutschtümelnden Kriterien ausgewählte Klassikschallplatten-Sammlung meines verstorbenen Großvaters und eine kleine Selektion der damals populären Tonträger von Nana Mouskouri bis hin zu Reinhard Mey.

Aber: Es gab zwei Jazzbücher von Joachim-Ernst Behrendt und weil ich sowieso alles aus der Bibliothek meines Papas las (das Erlaubte und auch das Verbotene) fielen die mir irgendwann in die Hand – mein Vater muss wohl in seiner Jugend mal eine Phase gehabt haben, in der ihn Jazz interessierte.


So also studierte ich aus Neugier diese zerlesenen, vergilbten Taschenbücher, vor allem die aussagekräftigen Schwarz-Weiß-Fotos und versuchte mir auszumalen, wie “Jazz” denn so klingen würde. Dazu stellte ich mir vor, ich würde in einer Art “Loft” an einem grauen Regentag in ein Saxophon blasen. Interessant, wie sich ohne die geringste Ahnung dieses Genres trotzdem bereits ein erstes Klischee in meine juvenile Fantasie eingeschlichen hatte.

Später dann – ich besuchte die Musikhauptschule Ferdinandeum mitten in Graz – gab es in der Nähe des Schulgebäudes ein Geschäft namens “Hannibal”, an welchem ich mir so oft wie möglich die Nase an den Auslagen plattdrückte. Die dort ausgestellten Schallplatten und Bücher ließen meine Vorstellungswelt wild rotieren. Und ohne es zu wissen, war ich damit auch bereits Teil der ersten Retro-Welle; denn der “Hannibal” führte damals natürlich keinen aktuellen 80ies-Pop, sondern huldigte dem guten, alten “Rock” der 1960er- und 70er-Jahre.

Der legendäre Schriftzug hat überlebt! (Photo von www.hannibal-verlag.de)

Als ich mich dann endlich mal in das Geschäft hineintraute (und daraufhin zu einer Art Stammgast wurde) öffneten sich weitere, magische Tore – mit einem regelmäßig erscheinenden Katalog und einem Verkäufer, der mich aufgrund seines legendären Aussehens unglaublich beeindruckte.

Dieser damalige Hannibal-Mitarbeiter mit dem Spitznamen “Shugle” wird das vermutlich niemals erfahren, aber er hat meinen Musikgeschmack entscheidend geprägt. Trotz seiner eher grimmig erscheinenden Art und seines wilden Aussehens (lange Haare!) ließ er hin und wieder einen Tipp oder Hinweis fallen, den ich als Schulbub begierig aufsaugte.


Und der Katalog: ein kleines, dickes, in der billigen Art der Fanzines gedrucktes Elaborat, vollgestopft mit Plattenkritiken und kaum erkennbaren, winzigen Fotos der jeweiligen Releases. Dies wurde meine Bibel; diese kleinen, unregelmäßig erscheinenden Hefte wurden meine ständigen Begleiter. Sie befeuerten meine Fantasie mit blumigen Beschreibungen von höchst legendären Platten, die ich am liebsten alle besessen hätte, aber mir sowieso nicht leisten konnte mit meinem knapp bemessenen Taschengeld.

Die heftigste und intensivste Musik-Lese-Phase kam dann aber mit der Entdeckung der rororo-Taschenbuchreihe “Rock Session” – eine dieser Ausgaben entdeckte ich auf einem Ständer beim Ausgang eines meiner inzwischen ebenfalls regelmäßig frequentierten Buchgeschäfte. Meine Taschenbuch-Erwerbungen waren zu der Zeit ja eher billige Tie-ins damals populärer TV-Serien wie “Kampfstern Galactica” oder “Knight Rider”, obwohl ich mir damals auch schon meine erste Beatles-Biographie gekauft hatte (es sollten noch sehr viele folgen).

Erste selbstgekaufte Beatles-Biographie.
Diese “rororo Rocksession”- Bücher, die waren ein ganz anderes Kaliber – vollgestopft mit Artikeln zur musikalischen “Gegenkultur”, aber nicht nur zur amerikanischen, sondern auch zu der aus Deutschland. Krautrock? Ein neues faszinierendes Betätigungsfeld für meine Fantasie. Und wieder taten auch die entsprechenden Fotos ihren Teil: Aufnahmen früher Performances von sehr ernst dreinschauenden Herren mit randlosen Brillen, Bärten und sehr langen Haaren, die an riesigen Synthesizer-Türmen herumschraubten, wurden für mich sofort zum Synonym für “Science-Fiction-Musik”, wie ich sie mir selber erdacht hatte.

Tangerine Dream & Gear (Photo von www1.wdr.de)
Am schlimmsten aber war der Virus, der mich mit dem Thema “mysteriös aus dem Leben geschiedene Rockstars” infizierte – dieses guilty pleasure bringt mein Blut seit damals regelmäßig in Wallung und wird mich wohl bis zu meinem eigenen (hoffentlich nicht zu mysteriösen) Abgang aus dieser Welt begleiten.


Um “Fakten” ging es beim Thema Tote Rockstars nie – gerade die Rocksession-Bücher sind in heutigen Zeiten betrachtet eine wahre Katastrophe, was genaue Recherche betrifft. Es gab natürlich kein Internet, also verbreiteten sich eben urbane Legenden als einzige Information.

Der Sarg, der beim Begräbnis des Doors-Sängers Jim Morrison in Paris sichtbar zu kurz war, um dessen Leiche wirklich enthalten zu können. Jimi Hendrix, der nach einer Überdosis Schlaftabletten im Rettungswagen so lange (und scheinbar ziellos) herumgeführt wurde, bis alle Reanimationsversuche umsonst waren. Der angebliche Unfalltod Paul McCartneys in den 60ern, die Vertuschung dessen durch einen bezahlten Schauspieler, der McCartneys Platz einnahm und die bizarren Schuldeingeständnisse der restlichen Beatles via Botschaften auf den Covern ihrer Alben (Diese Death Clues beschäftigen mich aufgrund ihrer schillernden Absurdität ebenfalls noch immer ¹).

Joe Meek (Photo von www.independent.co.uk)
Und der Musikproduzent Joe Meek! Dieser außergewöhnliche Wahnsinnige, der gleichzeitig ein genialer Tüftler war (er erfand quasi im Alleingang bis heute essentielle Audio-Effekte wie Kompression und konstruierte primitive Hallgeräte), einen Riesenhit mit der Produktion von “Telstar” hatte und dann aber sofort in der Obskurität verschwand. Er wurde so paranoid, dass er nur mehr über kleine, vollgeschmierte Zettelchen kommunizierte (er war der festen Überzeugung, dass große Plattenstudios seine selbstgebauten Effektgeräte ausspionierten). Am Todestag seines über alles verehrten und durch einen Flugzeugabsturz aus dem Leben geschiedenen Idols Buddy Holly erschoss er sich – und seine Vermieterin gleich mit.


Ich schlief kaum noch, in der Nacht las ich unter der Bettdecke mit der Taschenlampe, mit einer Mischung aus unglaublicher Faszination und auch ein bisschen Angst vor diesem dunklen, ja letalen Universum, welches sich da aufgetan hatte.

Viele Jahrzehnte später haben mich diese frühen Aufreger irgendwie noch immer nicht verlassen – ich kenne inzwischen logischerweise jede Art von damals beschriebener Musik, habe unfassbar geniale Entdeckungen gemacht, muss aber gestehen, das ich noch immer sehr gerne von Musik lesen würde, die ich noch nicht kenne. Das aber ist nicht mehr so einfach möglich, weil man viel zu sehr mit der nächsten Retro-Welle beschäftigt ist (siehe oben) und weil… es nichts mehr Neues zu erfinden gibt? Das wäre definitiv mal ein Thema für einen Artikel hier.

Der Hannibal-Verlag, der hat mich noch viele Jahre weiter begleitet (als Buchverlag existiert er auch heute noch) - mit den besten deutschen Übersetzungen amerikanischer Musikliteratur, die man hierzulande lesen kann. Und auch solche Plattenkataloge kann man noch finden; zumindest bei einer genialen Kette von Musikshops, die es leider nur im guten alten Amerika gibt – dem AMOEBA MUSIC. Falls ihr jemals in San Francisco oder Los Angeles seid, unbedingt besuchen! Und nicht vergessen, den (kostenlosen) Katalog mitzunehmen.

Der Amoeba-Katalog (Leihgabe von Frau Dr. Nachtstrom)

***

¹ Absolut empfehlenswerter Lesestoff: "The Walrus Was Paul: The Great Beatle Death Clues" von R. Gary Patterson!

Montag, 25. Juni 2018

AUDIOREVUE 01: Cosmic Jazz, Fourth World & Melancholic Darkness.

Kamasi Wahington: Heaven and Earth / Young Turks, 06/18

Ein Loblied auf Kamasi Wahington zu singen, ist wie Eulen nach Athen zu tragen. Ist der sanfte Riese doch seit seinem Sensationsdebüt “The Epic” im Jahr 2015 sowas wie der Schutzheilige aller Stoner, die ihren Jazz frisch ausgelüftet und mit viel cooler Black Sexiness ausgestattet mögen. Wenn man auf dem Brainfeeder-Label des genialen Flying Lotus releast wird, kann man da sowieso nicht viel falsch machem, sorgt der Enkel der grossen Alice Coltrane doch seit vielen Jahren samt dem um ihm versammelten Kollektiv höchst talentierter Musiker in Los Angeles und anderswo für eine ständige Frischzellenkur - Hipness, Afro-Futurism galore & Geek-Wahnsinn inklusive. Und der Geist von Auntie Alice durchweht auch Kamasis neuen Release (wie schon die vorjährige EP “Harmony of Difference” auf Young Turks erschienen) wie betörendes Parüm. Das erzählt von dem erstarkenden Selbstbewußtsein afroamerikanischer Menschen gerade in Zeiten unglaublicher Repression seitens des weissen US-Establishments und vom Weltfrieden, dieser oftmals verlachte und doch so stark herbeigesehnte Begriff. In den 1970er-Jahren hat man, wenn man so grosse Friedens-Sehnsucht hatte, eine Impulse!-Scheibe aufgelegt. Heutzutage sagt Kamasi, bevor er loslegt, so Sachen wie “This is called 'A Space Travellers Lullabye'. I wrote it for all the Space Cadets and Daydreamers” und man möchte nichts anderes mehr hören als diese in alle Richtungen ausufernde, wahrhaft kosmische Musik.


Jon Hassell: Listening to Pictures (Pentimento Volume One) / Ndeya, 06/18

Jon Hassell ist vermutlich einer der Musiker und Komponisten, der mir neben Boards of Canada und Meat Beat Manifesto bis jetzt die allerglücklichsten kosmischen Abfahrten beschert hat. Ich nenne Hassell bewußt nicht im Jazz-Kontext, den da gehörte er für mich auch niemals hin. Aber in welches Genre eigentlich? Ich glaube, er hat die wunderbare musikalische Nische, die er besetzt, ganz aus sich selbst heraus erschaffen. Das beginnt schon bei seiner instrumentalen Hauptstimme, der Trompete. Mit normalem Jazzidiom hat diese nichts zu tun, hat Hassell doch Gesang bei dem indischen Lehrer Pandit Pran Nath studiert, und dies zur Basis seines absolut einzigartigen Spiels gemacht. Aber die Trompete ist sowieso nur das Zündobjekt dieses immer wieder in allen Regenbogenfarben explodierenden Soundbilds, das ein bisschen an “Weltmusik” erinnert, aber eben wirklich nur ein bisschen. Diese polyrhythmisch fliessenden, glitzernden Soundscapes machen absolut süchtig, so wie auf all seinen Releases zuvor. Jon Hassell ist mit seinen 81 Jahren nachwievor auf der absoluten Höhe seines Schaffens. Und ein neues Label, Ndeya, für seine zukünftigen Releases hat er auch gerade gegründet.



Herr Lounge Corps & Cadaverous Condition: The Breath of a Bird / Klanggalerie, 04/18

Cadaverous Condition sind so ein Phänomen: Früher eine der rumpelig-verwitterten Institutionen des klassischen Death Metals österreichischer Prägung (think Pungent Stench, Disastrous Murmur, Disharmonic Orchestra) hat sich die Band (oder ein paar der Mitglieder, so genau lässt sich das für mich nicht nachvollziehen) inzwischen musikalisch in Richtungen entwickelt, die einem nur allerhöchsten Respekt abnötigen können. Seit einigen Jahren existiert hier zum Beispiel eine unfassbar gute Kollaboration von Cadaverous Condition mit Herr Lounge Corps. Dahinter verbirgt sich der Death in June-Kollaborator Miro Snejdr; und was diese fruchtvolle Zusammenarbeit hervorbringt, hat mich gerade beim neuen Release “The Breath of a Bird” wirklich sprachlos gemacht. Spätromantisch-elegante Klavierarpeggios und wehmütige Akkordeontöne treffen auf die gänsehaut-erzeugende Stimme des CC-Growlers Wolfgang Weiss - an den für mich als Genreschublade etwas fragwürdigen, weil unscharfen Begriff “Neofolk” (der für CC auch eine Rolle gespielt hat in der jüngeren Vergangenheit), erinnert irgendwie nur noch sehr wenig bis gar nichts mehr. Diese Musik gehört für mich eindeutig in die ehrwürdigsten Konzertsäle dieser Welt! Ein grandios melancholisch-tiefschwarzes Meisterwerk, welches man, einmal gehört, nie mehr vergessen wird. PS: Auf der CD befindet sich auch ein fantastischer Remix des US-Kultproduzenten GosT. Kann, soll und muß man auf Klanggalerie bestellen.